19. Jahrhundert
Die Industrielle Revolution
"Industrialisierung bedeutet: Es ändert sich, wie die Menschen Dinge herstellen und wo sie arbeiten. Viele Dinge werden nicht mehr mit der Hand, sondern mit Hilfe von Maschinen hergestellt."1vgl. https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/lexikon-in-einfacher-sprache/328544/industrialisierung-industrielle-revolution/ Es haben sich folglich nicht nur die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, sondern auch die Arbeits- und Lebensbedingungen/-umstände grundlegend verändert bzw. revolutioniert. "Das erste Land, in dem es eine Industrialisierung gab, war Großbritannien. Später kamen Deutschland, andere Länder in Europa und die USA dazu."2vgl. ebd.
In Deutschland förderte die 1834 eingeführte Abschaffung der Binnenzölle die Industrialisierung und den Handel. Weitere wachstumsfördernde Impulse gab die Erschließung durch den Eisenbahnbau. Entwicklungen und Forschungsergebnisse - vor allem im Gesundheitswesen - wirkten sich positiv auf die soziale Lage der Einwohner aus, die - wenn auch zumeist unter schweren körperlichen Belastungen - über ein 'geregeltes Einkommen' verfügten. Man könnte also das 19. Jhd. als Beginn eines weltweit neuen, geopolitischen Zeitalters bezeichnen.
Einfluss der industr. Revolution auf die Brauwirtschaft
Die Industrielle Revolution hatte auf die Abläufe der Hopfenkultivierung keinen bemerkenswerten Einfluss. Die Arbeit im Hopfengarten von der Frühjahrsarbeit bis zur Handpflücke bei der Ernte, wurde mit menschlicher Arbeit 'betrieben'. Gleiches galt für die Arbeit im Hof des Pflanzers wie Trocknung und Konditionierung der Pflücke. Leistungsfähige Pflückmaschinen und maschinelle Bandtrockner wurden erst Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführt.
Die Entwicklung, die sich aus der Dampfkraft ergab, beeinflusste die Arbeit der Brauereien erheblich. Menschliche Arbeitskraft wurde durch Maschinen ersetzt oder zumindest erleichtert. Die im vorherigen Kapitel angedeutete soziale Stellung eines Teils der Bevölkerung, führte zu einer raschen Steigerung der Nachfrage nach Bier.
Die bislang zumeist innerhalb der Stadtmauern gelegenen Braustätten konnten kapazitätsmäßig die Nachfrage nicht mehr bewältigen. Wagemutige Unternehmer beschlossen daher neue leistungsfähige Betriebe außerhalb der Städte zu bauen. Das nötige Kapital besorgte man sich - wenn das Eigenkapital nicht reichte - über die schon bei früheren Handelsgeschäften übliche Ausgabe von Kapitalisierungs-Aktien. Beispiele für diese Kapitalisierung im Braugewerbe sind die Dortmunder Aktienbrauereien (DAB; gegründet 1868), die Dortmunder Unions Brauerei (DUB; gegründet 1873) oder die Münchener Löwenbräu, die 1873 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde.
Die Verbesserung des Handels- und Verkehrswesens - auch beeinflusst durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes - führte dazu, dass vor allem besonders begehrte Biersorten auch überregional vertrieben wurden. Zur Verbesserung der Haltbarkeit, wurden diese Biere stärker eingebraut. So entstand der Begriff "Export" oder "Exportbrauerei". So belieferte z. Bsp. die Kulmbacher als erste 'Exportbierbrauerei' (EKU) ihr Bier nach Thüringen und Sachsen.
Die Linde-Kältemaschine
Die wohl wichtigste Erfindung für die Brauindustrie im 19. Jhd. war die ab 1873 funktionstüchtige Kältemaschine. Nun konnte auch bei höheren Temperaturen im Gärkeller der Brauereien das untergärige Bier hergestellt werden. Nicht nur die in gemäßigten Klimazonen mit warmen bis heißen Sommern gelegenen Brauereien wie in Deutschland profitierten von der Linde-Maschine. Nun konnte auch in tropischen oder atropischen Ländern untergärig gebraut werden.
In Folge entstanden Brauereien in Ländern von vor allem europäischen Einwanderern. Beispiele sind die Miguel-Brauereigruppe auf den Philippinen (1890), die brasilianische Brauereien Brahms und Antartica (1886 bzw. 1888) oder die mexikanischen Brauerei Modelo (1922) mit der international vertriebenen Marke "Corona".
Das untergärig gebraute Bier setzte sich schließlich weltweit durch, in dem immer wichtiger werdenden Biermarkt der USA. Der Einfluss dieser Entwicklung auf dem später behandelten Weltmarkt für Hopfen in Nürnberg soll in den nächsten Kapiteln beschrieben werden.
Die USA werden weltgrößter Bierproduzent
Die Erschließung des amerikanischen Westens schreitet im 19. Jahrhundert zügig voran - vor allem dank des immer dichter werdenden Eisenbahnnetzes - ausgehend von den Metropolen der Ostküste und später von den Zentren des Mittleren Westens wie Chicago und Milwaukee.
Der Mittlere Westen bot bestes Ackerland, das in die Viehzucht-fördernde Prärie überging. Im Jahr 1869 verband schließlich das Eisenbahnnetz die Ostküste mit den Staaten am Pazifik. Vor allem entlang des Eisenbahnnetzes und Knotenpunkten, entstanden Siedlungen zur Versorgung der Bevölkerung. Dazu gehörte natürlich auch das Brauen von Bier. Mitte 1870 sollen mehr als 4000 Betriebe Bier gebraut haben.
Die Siedler im neuen Land waren, in ihrer Mehrzahl nach, deutsch-europäisch abstammend. Sie hatten die ursprünglich englisch-irische Bevölkerung abgelöst. Als Folge ergab sich eine stetig wachsende Nachfrage nach untergärig hergestelltem Bier und folglich auch nach samenlosen Hopfen - mit Importen aus Mitteleuropa.
In Mitteleuropa war hierbei Nürnberg schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Zentrum des Hopfenhandels, das sich gegenüber anderen lokalen Märkten durchsetzen konnte. Die Stadt lag verkehrsgünstig zu den bedeutenden Anbaugebieten wie Böhmen, Spalt oder Hersbruck. Die Hallertau - als später größtes Anbaugebiet - spielte auf diesem Hopfen-Zentralmarkt damals noch keine bedeutende Rolle.
Der wachsenden Nachfrage aus den USA stand allerdings eine exporthindernde Vorschrift entgegen: 1830 erließ der bayrische Staat u.a. auch das Schwefeln von Hopfen.
Das Schwefeln war damals eine gebräuchliche Methode leicht verderbliche Ware wie Gemüse oder Wein zu konservieren. "Problem dieses Verfahrens war die Gefahr des Mißbrauchs [!]. Denn neben der Haltbarmachng ist es möglich [...] älteren schon vor längerer Zeit geerntete Hopfendolden das trügerische Aussehen frischer grüner Ware zu verleihen"3Großer Hopfenatlas, S. 36. Diese Praxis der 'Schönfärberei' schien auch im Hopfenhandel verbreitet zu sein und führte zum Schwefelverbot. Gesundheitliche Bedenken zum Schwefeln bestärkte die Regierung in ihrem Entschluss. Letzteres Argument sollte bei der folgenden Betrachtung "Das Schwefelverbot fällt eine noch heute umstrittene, historische Betrachtete auslösen".
Jedenfalls konnte zu dieser Zeit - Anfang des 19. Jahrhunderts - kein Hopfen aus Bayern (vornehmlich aus Hersbruck und Spalt) in die USA verkauft werden. Abschließend und unabhängig von den Importbeschränkungen entwickelte sich die USA im Laufe des 19. Jhd. zum größten Bierproduzenten: USA 66 Mio. hl Produktionsmenge und Deutschland 65 Mio. hl.
Neuordnung - Restaurierung Europas
Nach dem Napoleonischen- und dem Befreiungs-Krieg führte der Wiener Kongress 1815 unter der Leitung des öster. Außenministers Metternich zu einer weitgehenden Wiederherstellung der europäischen Großmächte. Die Einigung ermöglichte eine weitgehend friedliche Epoche, abgesehen von Konflikten wie dem Krim-Krieg, den italienischen Unabhängigkeitskriegen, dem deutsch-dänischen und dem deutsch-deutschen Krieg, sowie dem Krieg zwischen Deutschland und Frankreich 1870/71.